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- es gilt das gesprochene Wort! -
Sehr geehrte Damen und
Herren,
Debatten
über den Sinn von Auslandseinsätzen sind in einer pluralistischen Gesellschaft
nicht nur angemessen, sondern geradezu notwendig.
Und
es ist ein berechtigtes Anliegen, dass gerade Vertreter der christlichen Kirchen
ihre Sicht der Dinge vermitteln. Das
gilt erst recht bei gefährlichen Krisenmissionen wie der Beteiligung an der
internationalen Schutztruppe in Afghanistan.
Es ist gut, dass gerade die Kirche eine intensive Debatte hierüber angestoßen
hat. Wer eine Diskussion führen
will, muss auch andere Standpunkte akzeptieren.
Dies gilt für beide Seiten. So
sollte aus meiner Sicht eine Friedensethik
die völker- und menschenrechtliche, aber auch die sicherheitspolitische Dimension
vorurteilsfrei abwägen.
Das
ist der Maßstab für eine verantwortungsvolle Realpolitik!
Eine
reflektierte Position muss der Tatsache Rechnung tragen, dass es Freiheit,
Sicherheit und Stabilität nicht zum Nulltarif gibt.
Die Stabilisierung Afghanistans hat für unsere Sicherheit eine hohe
strategische Bedeutung. Das ist für
mich – auch in meiner Verantwortung als Minister –
ein
entscheidender Punkt.
Es
wäre fatal, wenn dieses Land wieder zu einem Beutestaat religiöser Extremisten
würde oder sogar eine „Talibanisierung“ der Region stattfände. Der islamistische Terrorismus ist eine bittere
Realität. Und er wird uns leider
noch lange beschäftigen. Wir können
daher nicht tatenlos zusehen,
wenn in einem Land die
Staatsgewalt so weit zusammen bricht, dass es dort ein Hinterland für
Terrorismus gibt. Deswegen ist die
Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit ein Kernstück des Kriseneinsatzes in Afghanistan.
Doch
müssen wir unseren Bürgern ehrlich sagen: In bestimmten Situationen ist der
Einsatz von Waffengewalt unvermeidbar.
Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, dass zu allem entschlossene
Extremisten nicht mit schönen Worten zu besänftigen sind.
Der Theologe und Sozialdemokrat Richard Schröder hat recht, wenn er sagt: „Der
Glaube an die Allmacht der Gewaltlosigkeit ist ein Aberglaube“. Das ist im Übrigen auch eine Lehre aus unserer
eigenen wechselvollen Geschichte im letzten Jahrhundert.
Die Nazi-Diktatur wurde nicht mit moralischen Appellen, sondern mit militärischen
Mitteln in die Knie gezwungen. Wer
dies in Frage stellt, der muss mit entschiedenem Widerspruch rechnen.
Eine
Friedensethik muss sich dieser Tatsache auch heute in voller Tragweite bewusst
sein.
Tom
Koenigs, Bündnis 90 / Die Grünen und Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses
im Bundestag, sagt in aller Deutlichkeit: „Die Taliban werden nicht mit guten
Worten und schon gar nicht mit christlichen Predigten am Morden gehindert werden“
(Quelle: FAS 17.01.2010).
Richtig
ist:
Allein
auf die militärische Karte zu setzen, schafft in Krisengebieten wie Afghanistan
auf Dauer keine Stabilität. Das ist
mittlerweile eine Binsenweisheit.
Deshalb müssen wir den Fokus auf den Aufbau der zivilen Infrastruktur richten. Aber richtig ist auch: Ziviler
Aufbau ist nur dann möglich und verantwortbar, wenn der Schutz der eingesetzten
Mitarbeiter sichergestellt werden kann.
Dafür wird auch weiterhin die militärische Präsenz, insbesondere
in Ländern wie Afghanistan, notwendig sein. Ziviler Aufbau und
militärischer Schutz sind zwei Seiten derselben Medaille im
Stabilisierungsprozess.
Die
Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, viele davon aus niedersächsischen
Standorten,
nehmen
im Kriseneinsatz erhebliche Risiken auf sich.
Sie erfüllen ihren Dienst mit Mut und Besonnenheit.
Dafür verdienen sie unseren Dank, unsere Anerkennung und unseren Rückhalt.
Es
ist mittlerweile guter Brauch, dass eine Abordnung der in den Einsatz gehenden
Soldaten vom Niedersächsischen Landtag verabschiedet wird.
Größte
Wertschätzung verdienen aber auch die zivilen Aufbauhelferinnen und -elfer
in Afghanistan. Der Landtag hat
Ihren selbstlosen Einsatz für die Menschen in dieser leidgeplagten Region im
November 2009 durch eine Feierstunde gewürdigt.
Das ist ein gutes Signal! Und es war eine Ehre für mich, daran teilzunehmen und
Vertreter der zivilen Organisationen für ihr Engagement zu würdigen.
Im
Übrigen ist die verbreitete Annahme, in Afghanistan sei längst alles verloren,
zu pauschal.
Darauf
jedenfalls weist eine repräsentative Umfrage unter der afghanischen Bevölkerung
hin.
Sie
zeigt: Die Zahl derer, die das Land auf dem richtigen Weg sehen, liegt bei 70%
- deutlich mehr als 2008. Und für
Gewaltakte im Land werden vor allem die Taliban und al-Qaida verantwortlich
gemacht. (Quelle: DIE WELT, 11.1.2010; NOZ, 12.01.2010)
Es
wäre also falsch, zu resignieren, aber ebenso falsch, die Lage schönzureden. Wie entschlossen die Extremisten sind, die Macht
mit Gewalt an sich zu reißen, zeigen die jüngsten Anschläge auf das
Regierungsviertel in Kabul.
Keiner
will, dass Afghanistan zu einer „never ending story“ wird.
Aber ein vorzeitiger Abzug hätte einen hohen Preis.
Daher sollte jedes Nachdenken über eine Abzugsperspektive dem Grundsatz folgen:
Sorgfalt vor Schnelligkeit!
Der
Schlüssel für eine dauerhafte Sicherheitspräsenz in der Fläche liegt in einem
konzentrierten Aufbau des afghanischen Polizei- und Sicherheitssektors. Allerdings brauchen wir deutlich mehr und besser
ausgebildete afghanische Polizisten – und dies zeitnah.
So sieht es die Innenministerkonferenz.
Und so sehen es die Bundeskanzlerin und alle Regierungschefs der Länder.
Niedersachsen
stellt sich der Verantwortung für den zivilen Aufbau.
Wir bringen uns beim deutschen Engagement für den Polizeiaufbau spürbar ein. Und wir haben uns intensiv auf eine personelle
Kräfteaufstockung in Afghanistan vorbereitet.
Derzeit stellt Niedersachsen mit 19 Polizisten 1/ 3 des Länderkontingents und
damit nach der Bundespolizei die stärkste Abordnung.
Niedersachsen
hat so einen maßgeblichen Anteil am bisherigen personellen Aufwuchs. Und Niedersachsen erfüllt schon jetzt das
Kontingent, das im Rahmen der beabsichtigten Aufstockung deutscher
Polizeikräfte von unserem Land zu erbringen ist.
Unsere
Polizisten leisten in der Mission Hervorragendes.
Sie tun es nicht für sich selbst und auch nicht für ihre Karriere. Sie tun es für unser Land und die Zukunft der
Menschen in einer Krisenregion. Das
ist wahrer Friedensdienst! Und dafür verdienen Sie unsere Anerkennung und Unterstützung.
Lassen
sie mich klar festhalten: Es geht nicht darum, Afghanistan unsere Maßstäbe überzu-stülpen. Das Land muss seinen eigenen Weg finden. Doch wir müssen den Afghanen so lange helfen, bis
sie selbst in der Lage sind, sich alleine zu behaupten.
Das ist der Kern einer verantwortungsvollen Realpolitik, die dem Frieden, der
Freiheit und unserer Sicherheit dient.
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